Geschichte der
Sorben (Wenden)

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Ich habe einige Informationen über die Sorben gesammelt und hier zusammengestellt.

Noch ein paar weitere interessante Links zu Internetseiten über die Sorben:


Die Unterwerfung

Um das Jahr 600 besiedelten slawische Stämme - unter ihnen auch die Sorben - das Gebiet zwischen Elbe/Saale und Oder/Queiß. Da es den "Wenden", wie sie von den Deutschen genannt wurden, nicht gelang, einen eigenen Staat zu bilden, wurden sie im Verlaufe der folgenden Jahrhunderte durch das deutsche Kaiserreich unterworfen.
Im 10. und 11. Jahrhundert gelangten auch die beiden sorbischen Stämme der Milzener (heute Oberlausitz) und der Lusizer (heutige Niederlausitz) fest unter deutsche Herrschaft, wobei die Ober- und Niederlausitz für längere Zeit zum Streitobjekt der Territorialmächte Meißen, Brandenburg und Böhmen wurden. Die neuen Herrscher beschränkten sich zunächst auf die Sicherung der militärischen Vorherrschaft und die ökonomische Verwertung der erworbenen Ländereien. Einen ernsthaften Widerstand gegen die Unterwerfung scheint es bei den Sorben im Gegensatz zu den Stämmen im Norden nicht gegeben zu haben.
Um das Jahr 1200 begann der Ausbau des Kirchwesens durch die flächendeckende Gründung neuer Kirchgemeinden; zugleich erfolgte die Kolonisierung der schwach besiedelten Randgebiete der Lausitz durch deutsche Siedler aus den westlichen Landesteilen. In der niederen Gerichtsbarkeit scheinen die Sorben eine gewisse Autonomie behalten zu haben. Ein Anzeichen für starke Spannungen zwischen Deutschen und Slawen ist die Festlegung des Sachsenspiegels, daß kein Deutscher gegen die Slawen und kein Slawe gegen einen Deutschen vor Gericht Zeugnis geben darf.
Es begann die natürliche Assimilierung der slawischen Stämme, die durch offenen Zwang ergänzt wurde. Um möglichst schnell ein sprachlich einheitliches Territorium zu erlangen, wurden Sprachverbote und Beschränkungen für den Einzug in Städte ausgesprochen, eine Ghettoisierung in Gestalt von "Wendengassen" geschaffen und Verbote für den Beitritt von Sorben in Zünfte erlassen.
Mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts war das eroberte Gebiet im Osten Deutschlands mit Ausnahme der Ober- und Niederlausitz, der daran angrenzenden Gebiete und des Lüneburger Wendlands im wesentlichen deutschsprachig geworden.
Die Kultur der Sorben manifestierte sich nahezu ausschließlich als dörfliche Volkskultur. Nur wenigen Sorben gelang der Aufstieg in die europäische Gelehrtenwelt, von denen stellvertretend Jan Rak, bekannt unter dem lateinischen Namen Joannes Rhagius Aesticampianus, genannt sei, der in seinen Gedichten auch die Lausitz besungen hat. An schriftlichen Dokumenten in sorbischer Sprache sind aus der Zeit vor 1500 nur einige Glossen und ein Bürgereid erhalten.

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Die Auswirkungen der Reformation:

Der Wittenberger Reformator Martin Luther war kein Freund der Sorben, sondern äußerte sich in seinen Tischreden abfällig über »die schlechteste aller Nationen«. Toleranter war Philipp Melanchthon, der stolz darauf war, daß sein Schwiegersohn Kaspar Peuker, ein gebürtiger Bautzener, auch die sorbische Sprache an seinem Tische gebrauchte. Entscheidend waren aber nicht die persönlichen Stimmungen der Reformatoren, sondern ihre programmatischen Forderungen und die Auswirkungen ihres Werkes.
Von 1490 bis 1635 waren die Ober- und die Niederlausitz, mit Ausnahme des zu Brandenburg gehörenden Cottbusser Kreises, böhmische Lehen mit jeweils eigener Verfassung. Aufgrund dieser Herrschaftsverhältnisse konnte der Grundsatz des Augsburger Reichstages von 1555 "cuius regio, eius religio" ("wessen Land, dessen Religion") in der Lausitz nicht vollständig durchgesetzt werden. 90 Prozent der Sorben wurden nach zum Teil heftigen Auseinandersetzungen evangelisch, während in den Gebieten, die dem Domstift St. Petri in Bautzen und dem Kloster Marienstern unterstanden, einige Gemeinden mit etwa 10000 Seelen katholisch blieben.
Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts begannen einige protestantische Geistliche - den reformatorischen Grundsatz von der Predigt in der Muttersprache aufnehmend -, eine eigene sorbische religiöse Literatur zu schaffen, indem sie die Kernwerke des Protestantismus, Bibel, Katechismus und Gesangbuch, aus dem Deutschen übersetzten. Dadurch entstand die sorbische Schriftsprache. 1548 übersetzte Miklaws Jakubica Luthers Neues Testament ins Sorbische, ohne daß eine Drucklegung erfolgte. 1574 erschien Luthers Katechismus, verbunden mit einem Gesangbuch, in der niedersorbischen Übersetzung des Albin Moller, 1597 gab Wjaclaw Warichius Luthers Katechismus in obersorbischer Sprache heraus.
Diese und andere Privatinitiativen sorbischer Geistlicher wurden durch den Dreißigjährigen Krieg unterbrochen, in dessen Gefolge die bisher böhmischen Gebiete der Lausitz an Sachsen fielen.
Erst im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts wurde die Editionstätigkeit für sorbisches geistliches Schrifttum weitergeführt. Das geschah weniger in der Niederlausitz, wo das Lübbener Konsistorium 1668 eine Denkschrift ausarbeiten ließ, "Wie in hiesigen Markgrafentümern die gänzliche Abschaffung der wendischen Sprache am ehesten befördert werden könne" und wo der brandenburgische Kurfürst 1667 für seinen Herrschaftsbereich "die gänzliche Abschaffung derer wendischen Prediger" anordnete, als vielmehr in der Oberlausitz. Hier setzten sich führende Vertreter der pietistischen Bewegung wie Philipp Spener, Nikolaus Graf von Zinzendorf und später August Hermann Francke für die Verbreitung von religiösem Schrifttum in sorbischer Sprache ein. Zugleich führte die Konkurrenz der Konfessionen in der Oberlausitz zu einem Editionswettstreit, um den Bereich der eigenen Konfession auszubauen oder wenigstens zu halten. In diesem Zusammenhang sind auch die annähernd 700 Taler zu sehen, mit denen die protestantisch dominierten Oberlausitzer Landstände von 1668 bis 1728 die Herausgabe sorbischer Kirchenbücher subventionierten: "damit die wendischen Untertanen nicht in unchristlichen Aberglauben und Katholizismus zurückfallen". Immerhin dürfen diese Gelder als erste Fördermaßnahme einer deutschen Obrigkeit zugunsten der Sorben angesehen werden. Umgekehrt ging auch das katholische Domstift St. Petri in Bautzen in die verlegerische Offensive. 1704 wurde erstmals die komplette Bibel durch den katholischen Geistlichen H. Swàtlik übersetzt, jedoch nicht ediert; 1728 erschien die protestantische Bibelübersetzung.
In der Folgezeit erschienen in der Oberlausitz auch weltliche sorbische Druckschriften: Patente und Erlasse der Obrigkeiten, Hygienevorschriften, Lesebücher; erste Früchte einer gelehrten Dichtung und am Ende des 18. Jahrhunderts die erste Zeitschrift. Zugleich lassen sich Ansätze einer Institutionalisierung sorbischer Interessen nachweisen. Ab 1666 wirkte die sorbische Predigerkonferenz, 1716 wurde die Wendische Predigergesellschaft "Sorabia" in Leipzig gegründet und 1728 das Wendische Seminar in Prag für die Ausbildung katholischer Geistlicher.
Auch in deutschen Kreisen verstärkte sich das Interesse für die Sorben. G. E. Lessing schuf in seinem "Jungen Gelehrten" erstmals eine sorbische Bühnenfigur, 1767 verfaßte Chr. Knauth "Derer Oberlausitzer Sorberwenden umständliche Kirchengeschichte", und 1784 zeichnete J. G. Herder in den "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" ein epochemachendes Bild der Frühgeschichte der Slawen in Deutschland.
Die deutsche Politik schwankte zwischen Unterdrückung, Duldung und vorsichtiger Förderung. In der Niederlausitz war sie stärker auf Germanisierung ausgerichtet, doch auch hier gab es Perioden obrigkeitlichen Entgegenkommens.
Das wichtigste Ergebnis des nachreformatorischen Zeitalters war die Entstehung der sorbischen Schriftsprache, allerdings in drei Varianten: niedersorbisch, obersorbisch-evangelisch und obersorbisch-katholisch.

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Die nationale Bewegung im 19. Jahrhundert:

1815 erfolgte die territoriale Neuaufteilung der Lausitz: Die Niederlausitz fiel an die preußische Provinz Brandenburg, der Nordosten der Oberlausitz an die preußische Provinz Schlesien, und der Südwesten der Oberlausitz verblieb bei Sachsen. Preußen gestaltete seine Politik gegenüber den Sorben im wesentlichen parallel zur Politik gegenüber den auf seinem Gebiet lebenden Polen, d. h., es bevorzugte zumeist eine härtere Gangart. In Brandenburg galt seit 1818 die Verordnung der Frankfurter Regierung, die allenfalls für die ersten Schuljahre den Gebrauch der sorbischen Sprache gestattete und es den Lehrern zur Pflicht machte, sich für die "möglichst gründliche Verbreitung der deutschen Sprache" einzusetzen. In Sachsen setzte sich in der Schulfrage nach einer Intervention der sorbischen evangelischen Geistlichkeit ein liberaler Standpunkt durch. Mit dem Schulgesetz von 1835 wurde der obligatorische sorbische Lese- und Religionsunterricht in sorbischen Gemeinden eingeführt.
Entscheidend für das weitere sorbische Selbstverständnis wurden die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts, denn in diesem Zeitraum entstand eine breite sorbische Volksbewegung, begann sich die sorbische bürgerliche Kultur zu entfalten und kam ein eigenständiges Nationalbewußtsein zum Durchbruch (serbske wozrodzenje - sorbische Wiedergeburt). Die Entstehung der sorbischen Nationalbewegung ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Einerseits wurden die Gedanken der deutschen Romantik und des deutschen Nationalismus, der im Gefolge der Napoleonischen Kriege entstanden war, auf den sorbischen Bereich übertragen. Andererseits griff man die Idee der slawischen Romantik von der "slawischen Wechselseitigkeit" auf und begriff sich als Teil der großen slawischen Völkerfamilie. Drittens gelang es den führenden sorbischen Intellektuellen, die Volksbewegung des Vormärz auf nationale Anliegen auszurichten.
In der Revolution 1848 sympathisierte die sorbische Bewegung zum Teil mit dem radikal-demokratischen, zum Teil mit dem gemäßigt-liberalen Hügel. Jan Arnost Smoler, der führende Kopf der sorbischen Bewegung, der sowohl bei Hoffmann von Fallersleben, dem Autor des Deutschlandliedes, als auch bei den tschechischen Professoren Purkynè und Celakovský studiert hatte, wandte sich an Robert Blum, um die Kodifizierung der Minderheitenrechte in der Paulskirchenverfassung zu erreichen. Die Macica Serbska verfaßte eine Petition an die sächsische Regierung, in der es um nationale Forderungen auf schulischem und kirchlichem Gebiet ging. Eine ähnlich gelagerte Bauernpetition enthielt auch soziale Forderungen.
Den revolutionären Kämpfen schloß man sich von sorbischer Seite nicht an, obwohl der Russe Bakunin Smoler davon zu überzeugen versuchte. Nach der Niederschlagung des Dresdener Aufstandes bekamen die sächsischen Sorben einen geringen Teil ihrer Forderungen erfüllt, etwa die nach sorbischem Unterricht am Bautzener Gymnasium oder die nach sorbischen Gottesdiensten in der Landeshauptstadt Dresden.
Die Niederlausitz wurde von der nationalen Erneuerungsbewegung nur in geringem Maße erreicht. Hervorhebenswert ist die Gründung des "Bramborski serbski Casnik", der niedersorbischen Wochenzeitung, die von 1848 an mit einigen Unterbrechungen erschien, und die Gründung des sorbischen Gymnasiastenvereins in Cottbus 1849. In den nachrevolutionären Jahren erlahmte die Nationalbewegung zunächst. Um 1870 setzte die Jungsorbische Bewegung ein, die sich an tschechischen Vorbildern orientierte und eine erneute Volksbewegung ansteuerte. Ihre bedeutendsten Vertreter waren der Philologe Arnost Muka und der Geistliche und der Dichter Jakub Bart-Cisinski.
Politisch standen sowohl die Jungsorben als auch die ältere Generation auf konservativem Boden. Dies verhinderte aber nicht, daß massive Angriffe von deutscher Seite gegen die sorbische Nationalbewegung geführt wurden (Panslawismusdebatte 1881 bis 1884). In Sachsen erkannte man zunehmend den staatserhaltenden Charakter der sorbischen Bewegung und beließ es in der Schulfrage im wesentlichen bei den gesetzlichen Regelungen des Jahres 1834. In Preußen wurde der Gebrauch der sorbischen Sprache in Schule und Kirche wiederholt massiv behindert.
Im letzten Drittel des 19. Jahrhundert setzte - unabhängig sowohl von der Nationalbewegung als auch von den Germanisierungsbestrebungen - in den evangelischen Gebieten der Ober- und Niederlausitz eine verstärkte Assimilierung der Sorben ein. Die Industrialisierung nach 1871 führte zum Verfall der gewachsenen agrarischen Strukturen. Durch den fast ausschließlich deutschen Schulunterricht wurde die Mehrzahl der Sorben zweisprachig, so daß infolge der allgemeinen Zunahme des deutschen Einflusses immer mehr Dorfgemeinschaften zur Sprache der Mehrheit übergingen. Nur das katholische Gebiet blieb von der Assimilierung zunächst unberührt.

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Der Kampf um Erhalt und Förderung im 20. Jahrhundert:

Im Jahre 1912 wurde die Domowina als Dachverband sorbischer Vereine gegründet. Nach der Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg propagierten einige führende Vertreter der Sorben den Gedanken einer eigenen sorbischen Verwaltungseinheit, die möglichst eng an die entstehende Tschechoslowakei angegliedert werden sollte, doch entbehrten diese Pläne jeglichen realpolitischen Sinns. Die Weimarer Verfassung gewährte den nichtdeutschen Volksteilen unter Rückgriff auf die Paulskirchenverfassung eine freie Entwicklung, jedoch fehlte die Umsetzung des Verfassungsrechts in entsprechender Gesetze.
In der Weimarer Zeit gelang es den Sorben nicht, eine einheitliche politische Interessenvertretung zu formieren. Nebeneinander wirkten die Macica Serbska, die Domowina, die Lausitzer Volkspartei, der Lausitzer Bauernbund und der 1926 gegründete Nationalrat. Kontakte zu den anderen Volksgruppen in Deutschland wurden aufgebaut. Der Sorbe Jan Skala redigierte die »Kulturwehr«, die Zeitschrift für Minderheitenfragen in Deutschland.
In den ersten Monaten nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde der Versuch unternommen, die Sorben mit Gewalt gleichzuschalten. Als einzige Organisation mit breiterer Basis im Volk überlebte die Domowina, die unter der geschickten Leitung Pawol Nedos zum Bund Lausitzer Sorben umstrukturiert wurde. Sie widersetzte sich allen Versuchen, die Sorben als "wendisch sprechende Deutsche" in das nationalsozialistische Herrschaftsgefüge zu integrieren. Proteste im slawischen Ausland und Rücksichten auf das Auslandsdeutschtum erzwangen für die Jahre 1934 bis 1936 ein moderateres Vorgehen der NSDAP gegenüber den Sorben. Im Frühjahr 1937 wurde die Domowina verboten, bald darauf mußte die sorbische Presse ihr Erscheinen einstellen. Alle sorbischen Aktivitäten galten als staatsfeindlich. Die führenden Männer der sorbischen Bewegung wurden aus der Lausitz ausgewiesen oder verhaftet. Zu einem völligen Verbot der sorbischen Sprache kam es aber nicht, so daß in einigen Kirchen, namentlich im sächsischen Bereich, die Tradition sorbischer Gottesdienste zwar stark reduziert, aber nicht gänzlich unterbrochen wurde. In den Büros Heinrich Himmlers entwarf man für die Zeit nach dem Endsieg Aussiedlungspläne für die Sorben.
Der Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft wurde von den Sorben als Befreiung begrüßt. Ein Neuaufbau der nationalen Bewegung begann. Da es kein einheitliches Programm für die künftige Entwicklung gab, setzten Richtungs- und Machtkämpfe unter verschiedenen Gruppierungen ein. Der Sorbische Nationalausschuß mit Sitz in Prag betrieb die Loslösung der Lausitz von Deutschland und den Anschluß an die Tschechoslowakei. Die Domowina, erneut unter der Leitung von Pawol Nedo, strebte eine umfassende Autonomie der Sorben in der Lausitz an. Die KPD/SED, deren Basis im sorbischen Volk verschwindend war, kämpfte darum, die Sorben in das entstehende Herrschaftsgefüge zu integrieren, und versprach ihnen dafür eine weitreichende staatliche Unterstützung. Die umfangreiche Förderung der Sorben von Prag aus (Ferienlager, Gymnasium, Druckerei, Rundfunksendungen, Finanzhilfen an die Domowina), die bis 1948 währte, war für Deutschlands Kommunisten eine ständige Herausforderung. 1948 nahm aufgrund intensiver Bemühungen der Domowina der Sächsische Landtag das Gesetz zur Wahrung der Rechte der sorbischen Bevölkerung an.
Im Dezember 1950 kam es zu dem bis heute nicht aufgeklärten Führungswechsel bei den Sorben. Auf Druck der SED trat Pawol Nedo als Vorsitzender der Domowina zurück, an seine Stelle trat der Altkommunist Kurt Krjenc. Die Domowina wurde in immer stärkerem Maße zum Transmissionsgremium der SED, um deren Machtmonopol bei den Sorben durchzusetzen. Gegen die willkürliche und ahistorische Aufteilung der Lausitz auf die Bezirke Dresden und Cottbus gab es keinen nennenswerten Widerstand. Parallel dazu wurde ein großzügiges Netz sorbischer Institutionen aufgebaut, welches jährlich mit hohen Summen subventioniert wurde: das Institut für sorbische Volksforschung, das Staatliche Ensemble für sorbische Volkskultur, das Haus für sorbische Volkskunst, der Domowina-Verlag, die sorbische Redaktion von Radio DDR, mehrere Grundschulen mit sorbischer Unterrichtssprache, zwei erweiterte Oberschulen, das Sorbische Institut für Lehrerbildung, das Sorbische Volkstheater, sorbische Abteilungen der Ministerien für Kultur, für Inneres und für Volksbildung.
Der Preis für diese in der deutschen Geschichte einmalige Förderung war die völlige politische Integration der Sorben. Insbesondere in den fünfziger und sechziger Jahren kam es zu einer Reihe von Haftstrafen und Berufsverboten für nationalbewußte Sorben. Sämtliches Schrifttum unterlag der Zensur, Leitungsämter wurden fast ausschließlich durch Mitglieder der SED besetzt, die sich im wesentlichen der Parteidisziplin beugten. Dennoch entstanden auch in diesem Zeitraum bedeutende kulturelle und wissenschaftliche Leistungen.
Trotz aller Förderung konnte der Assimilationsprozeß nicht aufgehalten werden, dem die evangelischen und in Anfängen auch die katholischen Sorben ausgesetzt waren. Dutzende Lausitzer Dörfer wurden der Braunkohlengewinnung geopfert, mehrere zehntausend Arbeitskräfte in das sorbische Gebiet gelenkt, was von der Domowina-Führung stets begrüßt wurde.
Vorzeichen des beginnenden Umbruchs waren bei den Sorben seit etwa 1985 zu erkennen. Der Schriftsteller Jurij Koch wurde zum Wortführer einer Bewegung gegen den Raubbau an der Lausitzer Kulturlandschaft durch den Braunkohlenabbau. Sorbische Studenten begannen mit der Herausgabe einer unzensierten Studentenzeitung, die im Auftrag des SED-Politbüros von der Domowina-Führung verboten wurde.
Als im Oktober 1989 die Herbstrevolution begann, in deren Gefolge die SED-Herrschaft zusammenbrach und die Einheit Deutschlands wiederhergestellt wurde, mußten sich auch die Sorben den Anforderungen des politischen Umbruchs stellen. Im November 1989 konstituierte sich die Sorbische Volksversammlung, deren Ziel die strukturelle, programmatische und personelle Erneuerung der Domowina und die Vertretung sorbischer Rechte in der Öffentlichkeit war.
Nach heftigen internen Auseinandersetzungen setzte sich die Erneuerungsbewegung durch: Die Domowina wurde unter Rückgriff auf die Strukturen der zwanziger Jahre von einer zentralistischen Organisation in einen Dachverband sorbischer Vereine umstrukturiert. Mit der Annahme eines neuen Programms, dem Beitritt gewichtiger sorbischer Verbände und der Wahl eines neuen Vorsitzenden, des Komponisten Jan Pawol Nagel, scheint der Erneuerungsprozeß im Juni 1991 einen gewissen Abschluß gefunden zu haben.
Parallel zum Erneuerungsprozeß der Domowina liefen die sorbischen Bemühungen um die weitere staatliche Förderung und die Wahrung der Rechte der Sorben. Die vorsichtig geäußerte Erwartung, die Gebietsreform könne die Einheit der Lausitz in einem gemeinsamen Bundesland bringen, wurde enttäuscht, da die Niederlausitz an Brandenburg fiel, während die Oberlausitz geschlossen zu Sachsen kam. Auf Initiative der Volksversammlung entstand ein Memorandum des sorbischen Volkes für die Aufnahme eines Volksgruppenartikels in das Grundgesetz.
Im Einigungsvertrag wurden Garantien für den Schutz und die Förderung der sorbischen Kultur fixiert. Die auf dieser Grundlage gewährte Finanzhilfe des Bundes sicherte im wesentlichen das in der DDR geschaffene Netz der sorbischen Institutionen. Bei den Staatskanzleien der Länder Brandenburg und Sachsen wurden Referate für Angelegenheiten der Sorben gebildet. Seit Oktober 1991 besteht eine »Stiftung für das sorbische Volk«, in der die staatliche Förderung für die Sorben zusammengefaßt wird.

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Fazit:

Im Verlauf ihres tausendjährigen Lebens unter deutscher Oberhoheit gelang es den Sorben nicht, eine eigenständige Verwaltungseinheit für ihr Gebiet zu erlangen. Zumeist lebten sie in mehreren deutschen Territorialeinheiten, in denen sie stets eine Minderheit waren.
Die deutsche Haltung gegenüber den Sorben schwankte zwischen Unterdrückung, Duldung und Förderung. Bei allen Rückfällen (z. B. 1937 bis 1945) ist insgesamt eine zunehmende Liberalisierungstendenz festzustellen. Ansätze einer staatlichen Förderung der Sorben sind seit dem Ende des 17. Jahrhunderts nachweisbar. Stärkere Unterstützung erfolgte bis 1948 von tschechischer Seite; 1949-1989 wurden die Sorben bei vollständiger politischer Integration stark gefördert.
Infolge von Germanisierung und Assimilierung ist der sorbische Anteil an der Lausitzer Bevölkerung ständig zurückgegangen, besonders stark seit dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts. Die katholischen Sorben blieben vom Assimilierungsprozeß zunächst unberührt.
Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts besteht eine konfessionsübergreifende Nationalbewegung, in deren Gefolge die bürgerlichen sorbische Kultur entstand.
Die jeweilige sorbische Führungsschicht verhielt sich bei aller Einzelkritik grundsätzlich loyal gegenüber den staatstragenden Kräften. Ausnahmen waren die Separationsforderungen der Jahre 1919 und 1945-1947 sowie die Verweigerung der Domowina-Gleichschaltung 1937.
Die bedeutsamste Leistung der Sorben besteht in ihren Bemühungen um Erhalt von Sprache und Tradition, um Kultur und Wissenschaft. Mit ihren literarischen, musikalischen, philologischen, historiographischen oder volkskundlichen Werken haben die Sorben zur europäischen Kultur beigetragen wie kaum ein anderes Volk vergleichbarer Größenordnung.

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